
23.04.10
Boy - Im Schatten der Hambüchen-Eupohrie
Philipp Boy gilt vielen Experten als zweitbester deutscher Kunstturner. Doch außerhalb der Fachwelt ist der 22-Jährige kaum bekannt. Das öffentliche Interesse fokussiert sich auf Fabian Hambüchen. Nach der EM in Birmingham (21. April - 2. Mai) könnte sich das ändern.
Sein Tag ist voll. Training, Massage, Abendessen. Phillipp Boy hat wenig Zeit für ein Gespräch. Schließlich will er sich nicht mehr ablenken lassen. Die Anreise hatte schon lange genug gedauert. Nach 19 Stunden mit dem Bus kam die deutsche Nationalmannschaft am Montag (19.04.2010) endlich im Hotel in England an. Schuld daran trägt der Vulkanausbruch in Island. Die Europameisterschaften im Kunstturnen in Birmingham sind einer der Saisonhöhepunkte für die deutschen Athleten. Und Philipp Boy hat sich einiges vorgenommen. "Wir können mit der Mannschaft voll punkten", sagt der 22-Jährige. "Ich selber träume vom Reck-Finale. Was ich dann erreichen kann, muss man sehen."
Die Zuversicht ist begründet. Philipp Boy ist seit einigen Jahren einer der besten Turner Deutschlands. Neben einigen anderen Erfolgen wurde er bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart Dritter, bei den Olympischen Spielen in Peking Vierter, jeweils mit der Mannschaft. Einige Experten sagen, er ist die Nummer zwei hinter Fabian Hambüchen. Aber eben nur die Nummer zwei. Sein Konkurrent aus Wetzlar überstrahlt alles. Hambüchen steht in Deutschland für diesen Sport wie einst Boris Becker für das deutsche Tennis. Die übrigen Athleten treten kaum einmal aus dem Schatten dieses schier übermächtigen Kollegen heraus.
"Das nervt nicht", sagt Philipp Boy. "Der Fabian hat seine Erfolge, und die sind schon beeindruckend. Der Konkurrenzkampf ist eher zusätzliche Motivation, um diese Ziele auch zu erreichen." Fasst schon ein wenig zu viel Harmonie zwischen zwei Athleten, die sich stets im Hochleistungsbereich messen.
"Natürlich wollen Spitzensportler auch Anerkennung erfahren. Auch deshalb betreiben sie ihren Sport so intensiv. Das ist bei Philipp nicht anders", sagt Karsten Oelsch. "Da ist auch immer eine Spur gesunde Eitelkeit dabei." Oelsch ist Boys Vereinstrainer beim SC Cottbus und arbeitet seit 2007 mit dem hochtalentierten jungen Mann zusammen. Oelsch findet, dass Philipp Boy ein Turner ist, der "keine richtige Schwäche hat. Und seine Stärke ist sicherlich das Reck". Deshalb traut der Trainer seinem Schützling viel zu. "Ziel für ihn ist eine Medaille bei den Olympischen Spielen. Wenn alles optimal läuft bis 2012 in London, kann er das sicherlich schaffen."
Carsten Oelsch weiß um den großen Ehrgeiz und den Eifer seinesTurners, der sich "manchmal vielleicht selbst zu viel Druck macht". Der Grund dafür? Oelsch zögert ein wenig. "Es ist auch nicht ganz so einfach für ihn, dass der Fabian vor ihm steht. Das hindert ihn vielleicht auch manchmal, seine volle Leistungsfähigkeit auszuspielen", sagt Oelsch.
Philipp Boy hat gerade im vergangenen Jahr eine wichtige Entscheidung für sich getroffen. Er hat seine Banklehre abgebrochen, um sich voll auf seinen Sport konzentrieren zu können. "Ich habe gedacht, das geht zusammen: Ausbildung und Hochleistungssport. Aber jeden Tag 15 Stunden hart an beiden Karrieren zu arbeiten, ist nicht möglich", sagt Boy. Er ist nun Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr und kann sich voll auf seine Leidenschaft konzentrieren. "Das macht sich in meinen Leistungen bemerkbar", meint Boy. Er will sich später nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben, um seine optimale Leistungsfähigkeit zu erreichen.
Andreas Hirsch ist derjenige, der die sensible Aufgabe hat, die unterschiedlichen Interessen der deutschen Turner möglichst geschickt zu händeln. Der Bundestrainer sieht vor allem eine große Chance in dem speziellen Innenverhältnis zwischen den Athleten. "Die Jungs kennen sich doch schon so lange. Sie haben sich aneinander gewöhnt", sagt Hirsch. Außerdem würden sie doch täglich hautnah miterleben, dass auch Fabian Hambüchen sich alles jeden Tag im Training hart erarbeiten müsse und sich nicht auf sein Talent verlassen könne.
Es bestehe ein kollegiales Verhältnis unter den Athleten. "Sie haben Fabian doch jeden Tag direkt vor der Nase", sagt Hirsch. "Es gibt die Chance, ihm nachzueifern." Zuletzt in Dessau, beim Länderkampf gegen Polen, wenige Tage vor der EM, hat Philipp Boy einen wichtigen Erfolg für sich verbuchen können. Er verwies Fabian Hambüchen am Reck auf den zweiten Platz. "Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt Andreas Hirsch.
(ard/Jörg Strohschein)


